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Japan aktuell
Seit Jahrzehnten sind wir im MBK mit Asien und im speziellen auch mit Japan in Kontakt. In diesen Jahren sind viele institutionelle und eine fast nicht überschaubare Anzahl an persönlichen Kontakten und Freundschaften in dieses wunderschöne Land entstanden. Aus diesen Bezügen heraus macht uns sehr betroffen, was dort geschah und geschieht. Auch wenn einige Wochen seit den Katastrophen vergangen sind, ist es wichtig, das Geschehen in Japan nicht aus den Augen zu verlieren. So wollen wir auch weiterhin an dieser Stelle Informationen aus unseren Bezügen weiter geben.
Artikel auf dieser Seite: Telefonat mit Frau Hetcamp / Mega Beben vom 14.03.2011
Mit der Geduld am Ende - 8. Wochen nach der Katastrophe
Doris Grohs, langjährige Mitarbeiterin im Missionsbeirat des MBK, hat im Auftrag des EMS Japan besucht. Welche Eindrücke sie hat, lesen Sie hier: Download
Die Fürbitte des Evangelischen Deutschen Missionswerks finden Sie hier zum Downloaden.
Die dreifache Katastrophe hat tiefe Wunden geschlagen - Pressemitteilung des EMS zum Downloaden.
Möglichkeiten, das Geld direkt an den richtigen Ort zu transferieren, bestehen über das japanische Rote Kreuz, hierzu ruft die Deutsch-Japanische Gesellschaft Biefefeld e.V. auf, oder über die Württembergische Landeskirche.
Der Schock sitzt noch zu tief
Auch in der letzten Woche habe ich viel mit meinen Freundinnen und Freunden und ehemaligen Kollegen in Japan telefoniert. Jedesmal blieb ein Gefühl von großer Hilflosigkeit zurück.
Immer wieder kam mir durch das Telefonkabel entgegen: "Wenn die Scheer Sensei so oft aus Deutschland anruft, dann muß doch etwas Schlimmes passiert sein." Und statt mir auf meine Frage zu antworten und zu erzählen wie es Ihnen geht, wurde zunächst ich gefragt, wie es mir gehe. Bei ihnen sei alles in Ordnung. In Fukushima seien ja Fachleute am Werk, ich solle mir keine Sorgen machen.
Ich kenne natürlich nach 24 Jahren Aufenthalt in Japan diesen Austausch von gegenseitiger Anteilnahme, doch war trotzdem geschockt, angesichts der immer bedrohlicher werdenden nuklearen Katastrophe.
Auf meine konkreten Fragen kamen dann Reaktionen, die Angst und Sorge, aber auch Wut ausdrückten. "Ich habe den Eindruck, dass man uns nicht ehrlich informiert. Sie in Deutschland wissen mehr, als wir hier vor Ort. Die Regierung und vor allem die Betreiberfirma Tepco führen uns an der Nase herum. Ich kann denen nicht mehr trauen. Die wissen um die Gefahr, aber sagen es uns nicht."
"Wir sitzen hier im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Der Strom ist abgestellt, im Laden gibt es keine Kerzen und Streichhölzer mehr und was irgendwelche Perspektiven angeht, tappen wir auch im Dunkel. Wo soll ich denn hin, wenn ich Chiba verlasse? Hier ist mein Zuhause. Ich kann doch nicht einfach alles stehen und liegen lassen. So schlimm kann es doch gar nicht sein."
"Wir wollen zusammen ausharren, bis alles vorbei ist. Wir sind eben schwerfällig. Und es wird schon werden. Bitte beten Sie weiter für uns."
"Die Nachbeben sind schrecklich. Immerhin Stärke 6 und drüber. Sie wissen doch selber wie das hier wackelt. Und dann denkt man wieder, dass es genauso stark wird wie am 11.März."
Eine Beobachtung, die ich schon 1995, als ich als Erdbebenhelferin in Kobe war, gemacht habe, ist, dass die Menschen ihren Schmerz im Herzen vergraben. Noch können oder wollen sie nicht wahrhaben, was passiert ist. Dann ist da auch das Schuldgefühl, nicht haben helfen können. Es wird wohl noch viel Zeit brauchen, hinter die Worte der Menschen zu kommen und den Schlüssel zu ihren Herzen zu finden.
Einige Gemeindeglieder bangen immer noch um ihre Angehörigen, weil sie keine Nachricht erhalten.
Andere sind damit beschäftigt, ihre Dächer, Häuser oder Wohnungen wieder in Ordnung zu bringen.
Viele Wege müssen zu Fuß zurückgelegt werden, weil die Züge stehen. Solange es Benzin gibt, fahren noch Busse nach Tokyo.
Kontaminierte Lebensmittel und Wasser machen Angst. Manche sind froh, bereits Hamsterkäufe gemacht zu haben. Da wisse man wenigstens, was man isst.
Im Kirchenvorstand wurde über Spendenprojekte gesprochen. Zunächst soll Menschen geholfen werden, die man über Notunterkünfte in intakt gebliebenen Kirchen oder Gemeindezentren erreichen kann. Viele haben ihre komplette Existenz verloren. Doch jetzt fehle es zunächst an Decken, warmer Unterwäsche, Jacken, Toilettenpapier und Hygieneprodukten und natürlich Wasser und Lebensmittel. Dann erst könne man an den Wiederaufbau von Häusern oder Kirchen denken. Man wisse ja noch nicht einmal, ob und wann die Menschen in ihre Heimat zurückkehren können.
Telefonat mit Frau Hetcamp (15.03. um 12.30 Uhr):
Viele Jahre lang hat Ruth Hetcamp in Japan gelebt und dort unter anderem die Telefonseelsorge mit aufgebaut. Auch viele Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland pflegt pflegt sie gute und intensive Kontakte, in das Land, in dem viele ihrer Freundinnen und Freunde leben.
„Ich habe zu allen Schlüsselpersonen vom Tor zur Hoffnung und zu den früheren Mitarbeiterinnen der Telefonseelsorge Kontakt. Auch zu Frau Dora Kishita konnte ich Kontakt aufnehmen. Allen geht es den Umständen entsprechend gut. Der Schock über das Ausmaß der Katastrophe sitzt jedoch tief. Wie es weiter geht, weiß im Moment noch niemand. Daraus resultiert eine große Unsicherheit, auch deshalb, weil die Lebensmittel, wie das auch in den Medien kommuniziert wird, langsam knapp werden. Die Bevölkerung ist dazu aufgefordert worden, in den Häusern zu bleiben und die Fenster und die Türen geschlossen zu halten. So sollen sich die Bewohner vor den Strahlen schützen.
Die Ruhe und die Disziplin, die man auch in unseren Medien hervorhebt, werden den Kindern anerzogen. Immer und immer wieder wird Kindern und auch Erwachsenen gesagt, dass sie im Falle von Katastrophen und Unglücksfällen Ruhe bewahren sollen. Das ist schon sehr erstaunlich, wie ruhig die Menschen bleiben, trotz der Katastrophen und der Verzweiflung. In all dem Trubel, dem Chaos und der Unsicherheit, hilft dieses Verhalten sicherlich, noch schlimmeres zu verhindern.
Die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge gehen trotz jetzt fehlender Autos zur Arbeit. Sie legen die Strecken eben zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück, da ja auch die Eisenbahn nur sehr bedingt verkehrt. Es verwundert nicht, dass auch die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge in diesen Tagen und vielleicht in diesen Wochen einen enormen Arbeitseinsatz zu leisten haben.“
Nach dem Mega Beben (14.03.2011)
Nachrichten aus Chiba, 400km südlich vom AKW Fukushima und 450 km südlich vom Epizentrum vor Sendai
„Es hat sehr kräftig gewackelt und jetzt liegt eine schwarze Wolke über Chiba, weil die Ölraffinerie nördlich der Stadt brennt, aber ansonsten ist alles in Ordnung“, sagte Frau Kishita aus der Nishi Chiba Gemeinde, als ich sie am 11.3. nach vielen Versuchen endlich telefonisch erreicht hatte. Erst im Verlauf des Gesprächs erzählte sie von ihrem Mann, Pastor Kishita, der nach der Synodensitzung in einer Tokyoter Gemeinde übernachten musste, weil das Mega Beben alle Züge und U-Bahnen in Tokyo und Chiba außer Betrieb gesetzt hatte.
Pastor Itoh mit seiner Familie traf erst 24 Stunden nach dem Beben wieder in Chiba ein. Er hatte seine Eltern im Norden Japans besucht und kam aufgrund der kaputten Straßen nicht nach Hause. So ging es auch anderen Gemeindegliedern, die am Freitag oder Samstag vergangener Woche unterwegs waren. Sie erlebten, dass auch im Süden der Chibapräfektur die Züge nicht mehr fuhren.
Als ich am Samstagnachmittag (12.3.) mit Pastor Kishita telefonierte, erzählte er von Gemeindegliedern, deren Wohnungen durch heruntergefallenen Gegenstände verwüstet waren und Menschen, die auf gewonnenem Land leben und in deren Häuser von unten Grundwasser und Schlamm in die Wohnungen im Erdgeschoss dringt.
Es gibt immer noch Gemeindeglieder, die vermisst werden. Da die Telefon- und Handynetze im Norden Japans zusammengebrochen sind, können einige Gemeindeglieder ihre Angehörigen nicht erreichen und machen sich Sorgen, ob sie noch leben.
Die Vergewisserung des Befindens der Gemeindeglieder und ihrer Angehörigen ist erste Priorität eines Gemeindepastors nach einem Erdbeben. Der Hirte sorgt sich um seine Schafe. Auf meine Frage, was mit den Kirchen im Tohoku Ken und Miyagi Ken sei, konnte P. Kishita auch am Sonntag noch keine Antwort geben, weil die Telefonnetze immer noch kaputt waren.“ Rufen Sie in ein paar Tagen noch einmal an, dann wissen wir mehr.“
Was ich in Erfahrung bringen konnte, ist, dass sowohl die Mitarbeiter und Bewohner im Tor zur Hoffnung in Tokyo, Futtsu und Kasusa Minato wohlauf sind.
Am Sonntag spürte ich zum ersten Mal durch die Telefonleitung, dass die Sorge um die nukleare Katastrophe auch den besonnen und gefasst wirkenden Pastor erfasst hatte. „Seien Sie froh, dass Sie in Deutschland sind.“
Heute (14.3.) erhielt ich u.a. eine Mail von Frau Y., einer Kirchenvorsteherin. Sie berichtete von den Vorboten und Folgen des Stromausfalls, die aufgrund der Rationierungsmaßnahmen in Chiba zu spüren waren: Der Verkehr liegt lahm, im Bahnhof Nishi Chiba sind die Rolläden runtergelassen worden, nichts geht mehr.
Der Supermarkt Seiyu ist überfüllt, vor dem Laden bilden sich lange Schlangen. Auch die Reinigung ist zu, Bankautomaten funktionieren nicht mehr. Aufgrund des Grundwassers, das durch den Boden nach oben sickert, wölben sich Straßen und Parkplätze nach oben. Das Wasser wird abgestellt.
Am Sonntag wurde wie immer Gottesdienst gefeiert.
Die Losung des Sonntags lautete „ Die Heiden, die um euch her übrig geblieben sind, sollen erfahren, dass ich der HERR bin, der da baut, was niedergerissen ist, und pflanzt, was verheert ist.“ (Hesekiel 36,36)
Dieses Wort hat uns alle sehr bewegt und zum Gebet ermutigt.
In einem Telefonat am 15.3. um 11:30Uhr MEZ erzählt mir jemand:
In dem Telefonat erzählte mir Frau K. Aus ihrer Sicht sei dies eine Gerichtszeit Gottes, aus der hoffentlich gelernt wird.
In der Zeit, in der in der Chibapräfektur der Strom abgeschaltet ist, käme sie gut
zur Stille und zum Beten.
"Nozomi no Mon" (Tor zur Hoffnung) backt kein Brot mehr für die Mahlzeiten in den
einzelnen Häusern, sondern kauft es beim Bäcker, weil zuviel Strom verbraucht
wird und täglich mehrere Stunden der Strom abgeschaltet ist.
Lebensmittel für die über 200 Bewohner der Heime werden reduziert -1 Onigiri (Reisbällchen),
1 Milchbrötchen, 1 Flasche Wasser pro Tag - kein Obst und kein Gemüse. Und das alles
400 bis 500 km entfernt von Fukushima.
Wie mag es den Menschen in der Evakuierungszone von 30 km gehen, die in
Notunterkünften ausharren müssen und nicht wissen, ob sie jemals an den Ort zurückkehren
können, wo einst ihre Häuser standen.
In Futtsu im Supermarkt oder auf den Strassen ist es totenstill. Die Züge fahren immer
noch nicht, aber es gibt Busse, die nach Chiba oder Tokyo fahren, solange Benzin da
ist.
In der Bevölkerung macht sich Unzufriedenheit über die Rationierungsmaßnahmen breit.
Nachrichtensender widersprechen sich. Man weiß nicht, was man glauben soll."
Frau K. selbst stehe noch immer unter Schock ob der Stärke des Bebens, das
5 Minuten lang war. Es hätte furchtbar gewackelt. Und jetzt der Wind, der die Radio-
aktivität über Chiba und Tokyo verteile.
Artikel auf dieser Seite: Telefonat mit Frau Hetcamp / Mega Beben vom 14.03.2011
Mit der Geduld am Ende - 8. Wochen nach der Katastrophe
Doris Grohs, langjährige Mitarbeiterin im Missionsbeirat des MBK, hat im Auftrag des EMS Japan besucht. Welche Eindrücke sie hat, lesen Sie hier: Download
Die Fürbitte des Evangelischen Deutschen Missionswerks finden Sie hier zum Downloaden.
Die dreifache Katastrophe hat tiefe Wunden geschlagen - Pressemitteilung des EMS zum Downloaden.
Möglichkeiten, das Geld direkt an den richtigen Ort zu transferieren, bestehen über das japanische Rote Kreuz, hierzu ruft die Deutsch-Japanische Gesellschaft Biefefeld e.V. auf, oder über die Württembergische Landeskirche.
Der Schock sitzt noch zu tief
Auch in der letzten Woche habe ich viel mit meinen Freundinnen und Freunden und ehemaligen Kollegen in Japan telefoniert. Jedesmal blieb ein Gefühl von großer Hilflosigkeit zurück.
Immer wieder kam mir durch das Telefonkabel entgegen: "Wenn die Scheer Sensei so oft aus Deutschland anruft, dann muß doch etwas Schlimmes passiert sein." Und statt mir auf meine Frage zu antworten und zu erzählen wie es Ihnen geht, wurde zunächst ich gefragt, wie es mir gehe. Bei ihnen sei alles in Ordnung. In Fukushima seien ja Fachleute am Werk, ich solle mir keine Sorgen machen.
Ich kenne natürlich nach 24 Jahren Aufenthalt in Japan diesen Austausch von gegenseitiger Anteilnahme, doch war trotzdem geschockt, angesichts der immer bedrohlicher werdenden nuklearen Katastrophe.
Auf meine konkreten Fragen kamen dann Reaktionen, die Angst und Sorge, aber auch Wut ausdrückten. "Ich habe den Eindruck, dass man uns nicht ehrlich informiert. Sie in Deutschland wissen mehr, als wir hier vor Ort. Die Regierung und vor allem die Betreiberfirma Tepco führen uns an der Nase herum. Ich kann denen nicht mehr trauen. Die wissen um die Gefahr, aber sagen es uns nicht."
"Wir sitzen hier im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Der Strom ist abgestellt, im Laden gibt es keine Kerzen und Streichhölzer mehr und was irgendwelche Perspektiven angeht, tappen wir auch im Dunkel. Wo soll ich denn hin, wenn ich Chiba verlasse? Hier ist mein Zuhause. Ich kann doch nicht einfach alles stehen und liegen lassen. So schlimm kann es doch gar nicht sein."
"Wir wollen zusammen ausharren, bis alles vorbei ist. Wir sind eben schwerfällig. Und es wird schon werden. Bitte beten Sie weiter für uns."
"Die Nachbeben sind schrecklich. Immerhin Stärke 6 und drüber. Sie wissen doch selber wie das hier wackelt. Und dann denkt man wieder, dass es genauso stark wird wie am 11.März."
Eine Beobachtung, die ich schon 1995, als ich als Erdbebenhelferin in Kobe war, gemacht habe, ist, dass die Menschen ihren Schmerz im Herzen vergraben. Noch können oder wollen sie nicht wahrhaben, was passiert ist. Dann ist da auch das Schuldgefühl, nicht haben helfen können. Es wird wohl noch viel Zeit brauchen, hinter die Worte der Menschen zu kommen und den Schlüssel zu ihren Herzen zu finden.
Einige Gemeindeglieder bangen immer noch um ihre Angehörigen, weil sie keine Nachricht erhalten.
Andere sind damit beschäftigt, ihre Dächer, Häuser oder Wohnungen wieder in Ordnung zu bringen.
Viele Wege müssen zu Fuß zurückgelegt werden, weil die Züge stehen. Solange es Benzin gibt, fahren noch Busse nach Tokyo.
Kontaminierte Lebensmittel und Wasser machen Angst. Manche sind froh, bereits Hamsterkäufe gemacht zu haben. Da wisse man wenigstens, was man isst.
Im Kirchenvorstand wurde über Spendenprojekte gesprochen. Zunächst soll Menschen geholfen werden, die man über Notunterkünfte in intakt gebliebenen Kirchen oder Gemeindezentren erreichen kann. Viele haben ihre komplette Existenz verloren. Doch jetzt fehle es zunächst an Decken, warmer Unterwäsche, Jacken, Toilettenpapier und Hygieneprodukten und natürlich Wasser und Lebensmittel. Dann erst könne man an den Wiederaufbau von Häusern oder Kirchen denken. Man wisse ja noch nicht einmal, ob und wann die Menschen in ihre Heimat zurückkehren können.
24.03.2011 Gudrun Scheer
Telefonat mit Frau Hetcamp (15.03. um 12.30 Uhr):
Viele Jahre lang hat Ruth Hetcamp in Japan gelebt und dort unter anderem die Telefonseelsorge mit aufgebaut. Auch viele Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland pflegt pflegt sie gute und intensive Kontakte, in das Land, in dem viele ihrer Freundinnen und Freunde leben.
„Ich habe zu allen Schlüsselpersonen vom Tor zur Hoffnung und zu den früheren Mitarbeiterinnen der Telefonseelsorge Kontakt. Auch zu Frau Dora Kishita konnte ich Kontakt aufnehmen. Allen geht es den Umständen entsprechend gut. Der Schock über das Ausmaß der Katastrophe sitzt jedoch tief. Wie es weiter geht, weiß im Moment noch niemand. Daraus resultiert eine große Unsicherheit, auch deshalb, weil die Lebensmittel, wie das auch in den Medien kommuniziert wird, langsam knapp werden. Die Bevölkerung ist dazu aufgefordert worden, in den Häusern zu bleiben und die Fenster und die Türen geschlossen zu halten. So sollen sich die Bewohner vor den Strahlen schützen.
Die Ruhe und die Disziplin, die man auch in unseren Medien hervorhebt, werden den Kindern anerzogen. Immer und immer wieder wird Kindern und auch Erwachsenen gesagt, dass sie im Falle von Katastrophen und Unglücksfällen Ruhe bewahren sollen. Das ist schon sehr erstaunlich, wie ruhig die Menschen bleiben, trotz der Katastrophen und der Verzweiflung. In all dem Trubel, dem Chaos und der Unsicherheit, hilft dieses Verhalten sicherlich, noch schlimmeres zu verhindern.
Die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge gehen trotz jetzt fehlender Autos zur Arbeit. Sie legen die Strecken eben zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück, da ja auch die Eisenbahn nur sehr bedingt verkehrt. Es verwundert nicht, dass auch die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge in diesen Tagen und vielleicht in diesen Wochen einen enormen Arbeitseinsatz zu leisten haben.“
Nach dem Mega Beben (14.03.2011)
Nachrichten aus Chiba, 400km südlich vom AKW Fukushima und 450 km südlich vom Epizentrum vor Sendai
„Es hat sehr kräftig gewackelt und jetzt liegt eine schwarze Wolke über Chiba, weil die Ölraffinerie nördlich der Stadt brennt, aber ansonsten ist alles in Ordnung“, sagte Frau Kishita aus der Nishi Chiba Gemeinde, als ich sie am 11.3. nach vielen Versuchen endlich telefonisch erreicht hatte. Erst im Verlauf des Gesprächs erzählte sie von ihrem Mann, Pastor Kishita, der nach der Synodensitzung in einer Tokyoter Gemeinde übernachten musste, weil das Mega Beben alle Züge und U-Bahnen in Tokyo und Chiba außer Betrieb gesetzt hatte.
Pastor Itoh mit seiner Familie traf erst 24 Stunden nach dem Beben wieder in Chiba ein. Er hatte seine Eltern im Norden Japans besucht und kam aufgrund der kaputten Straßen nicht nach Hause. So ging es auch anderen Gemeindegliedern, die am Freitag oder Samstag vergangener Woche unterwegs waren. Sie erlebten, dass auch im Süden der Chibapräfektur die Züge nicht mehr fuhren.
Als ich am Samstagnachmittag (12.3.) mit Pastor Kishita telefonierte, erzählte er von Gemeindegliedern, deren Wohnungen durch heruntergefallenen Gegenstände verwüstet waren und Menschen, die auf gewonnenem Land leben und in deren Häuser von unten Grundwasser und Schlamm in die Wohnungen im Erdgeschoss dringt.
Es gibt immer noch Gemeindeglieder, die vermisst werden. Da die Telefon- und Handynetze im Norden Japans zusammengebrochen sind, können einige Gemeindeglieder ihre Angehörigen nicht erreichen und machen sich Sorgen, ob sie noch leben.
Die Vergewisserung des Befindens der Gemeindeglieder und ihrer Angehörigen ist erste Priorität eines Gemeindepastors nach einem Erdbeben. Der Hirte sorgt sich um seine Schafe. Auf meine Frage, was mit den Kirchen im Tohoku Ken und Miyagi Ken sei, konnte P. Kishita auch am Sonntag noch keine Antwort geben, weil die Telefonnetze immer noch kaputt waren.“ Rufen Sie in ein paar Tagen noch einmal an, dann wissen wir mehr.“
Was ich in Erfahrung bringen konnte, ist, dass sowohl die Mitarbeiter und Bewohner im Tor zur Hoffnung in Tokyo, Futtsu und Kasusa Minato wohlauf sind.
Am Sonntag spürte ich zum ersten Mal durch die Telefonleitung, dass die Sorge um die nukleare Katastrophe auch den besonnen und gefasst wirkenden Pastor erfasst hatte. „Seien Sie froh, dass Sie in Deutschland sind.“
Heute (14.3.) erhielt ich u.a. eine Mail von Frau Y., einer Kirchenvorsteherin. Sie berichtete von den Vorboten und Folgen des Stromausfalls, die aufgrund der Rationierungsmaßnahmen in Chiba zu spüren waren: Der Verkehr liegt lahm, im Bahnhof Nishi Chiba sind die Rolläden runtergelassen worden, nichts geht mehr.
Der Supermarkt Seiyu ist überfüllt, vor dem Laden bilden sich lange Schlangen. Auch die Reinigung ist zu, Bankautomaten funktionieren nicht mehr. Aufgrund des Grundwassers, das durch den Boden nach oben sickert, wölben sich Straßen und Parkplätze nach oben. Das Wasser wird abgestellt.
Am Sonntag wurde wie immer Gottesdienst gefeiert.
Die Losung des Sonntags lautete „ Die Heiden, die um euch her übrig geblieben sind, sollen erfahren, dass ich der HERR bin, der da baut, was niedergerissen ist, und pflanzt, was verheert ist.“ (Hesekiel 36,36)
Dieses Wort hat uns alle sehr bewegt und zum Gebet ermutigt.
In einem Telefonat am 15.3. um 11:30Uhr MEZ erzählt mir jemand:
In dem Telefonat erzählte mir Frau K. Aus ihrer Sicht sei dies eine Gerichtszeit Gottes, aus der hoffentlich gelernt wird.
In der Zeit, in der in der Chibapräfektur der Strom abgeschaltet ist, käme sie gut
zur Stille und zum Beten.
"Nozomi no Mon" (Tor zur Hoffnung) backt kein Brot mehr für die Mahlzeiten in den
einzelnen Häusern, sondern kauft es beim Bäcker, weil zuviel Strom verbraucht
wird und täglich mehrere Stunden der Strom abgeschaltet ist.
Lebensmittel für die über 200 Bewohner der Heime werden reduziert -1 Onigiri (Reisbällchen),
1 Milchbrötchen, 1 Flasche Wasser pro Tag - kein Obst und kein Gemüse. Und das alles
400 bis 500 km entfernt von Fukushima.
Wie mag es den Menschen in der Evakuierungszone von 30 km gehen, die in
Notunterkünften ausharren müssen und nicht wissen, ob sie jemals an den Ort zurückkehren
können, wo einst ihre Häuser standen.
In Futtsu im Supermarkt oder auf den Strassen ist es totenstill. Die Züge fahren immer
noch nicht, aber es gibt Busse, die nach Chiba oder Tokyo fahren, solange Benzin da
ist.
In der Bevölkerung macht sich Unzufriedenheit über die Rationierungsmaßnahmen breit.
Nachrichtensender widersprechen sich. Man weiß nicht, was man glauben soll."
Frau K. selbst stehe noch immer unter Schock ob der Stärke des Bebens, das
5 Minuten lang war. Es hätte furchtbar gewackelt. Und jetzt der Wind, der die Radio-
aktivität über Chiba und Tokyo verteile.
Gudrun Scheer


